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Haschisch — bitte nein



Die Piraten sind Leute mit sehr vernűnftigen Ideen, die man zum grössten Teil unterschreiben kann. In ihrem Programm haben sie freilich einen eigenartigen Punkt, der ihnen den Zugang zum Bűrgertum zumindest in Westdeutschland zu blockieren droht: das Verlangen nach Liberalisierung des Haschisch-Konsums. Als Begrűndung fűr diesen Wunsch haben sie eine sattsam bekannte Pro-Cannabis-Kulisse aufgebaut. Der folgende Beitrag soll den Piraten helfen, die Cannabis-Problematik besser zu verstehen.

In den Jahren 1955 und 1956 lebte ich in Kairo. Ich war ein junger Mann und hatte eine ägyptische Freundin. Wenn sie abends zu mir ins Auto stieg, bat sie mich um einen Zehn-Piaster-Schein, etwa 50 Pfennig nach damaligem Wert. An der Sharia Suleiman Pasha stieg sie aus, verschwand fűr ein paar Minuten und kam eine Haschisch-Zigarette rauchend zurűck. Sie fűhlte sich wohl und entspannt, dann konnte der Abend beginnen.

Danach habe ich viele Jahre als Korrespondent den Orient zwischen Marokko, Griechenland und Iran bereist. In diesem Gebiet ist Haschisch eine alltägliche Selbstverständlichkeit. Die Droge ist wohl seit dem Neolithikum im Orient endemisch. Klar, dass das Alkoholverbot des Islam den Haschisch-Konsum massiv gefördert hat. Aber Griechenland ist nicht muslimisch, Cypern nur teilweise und der Libanon auch nur teilweise. Dass Ägyptens zehn Prozent Christen lieber trinken als haschen, ist nicht ersichtlich.

Wer in Europa einer Haschisch-Liberalisierung das Wort reden will, sollte sich eingehend mit dem Orient beschäftigen. Die europäischen und amerikanischen Studien zum Thema kann man getrost vergessen. Nur im Orient kann man studieren, was Jahrhunderte Hasch-Konsum in einer Gesellschaft und Wirtschaft anrichten.

Das jűngste Aha-Erlebnis bot die Haschisch-Knappheit von 2010 in Ägypten. „A recent government crackdown on drug smuggling is diminishing supplies”, berichtete die LATimes am 1. April 2010. “I can’t get on with my daily tasks as I previously did. I and my workmates used to start our working day with smoking hashish, and then I’d smoke a bit more after dinner,” said a 29-year-old accountant who asked that his name not be used. “Now we can only do so for one or two days a week instead of every day.”

Ein anderer junger Mann meint:

“We’ve always been told that the government’s policy was to let us smoke too much hash, as it makes us pacifists and not bothered with many things, including politics. That’s why I find it strange they’re fighting its traffic so hard now.”

Die LATimes zitiert die offiziellen Statistiken: „A report issued by the health committee at Egypt’s lower parliament, the People’s Assembly, announced that there are 7 million hashish users in Egypt, including 12% of the country’s students. The report added that Egyptians spend $1.5 billion (around 5% of the republic’s national income) on illicit drugs each year.”

“Before, nothing was easier than buying a gram of hashish as long as we had the money for it. Now it takes us hours to find it, and drug dealers have tripled the prices to more than 400 pounds a piaster,” a 20-year-old university student told the Los Angeles Times.

“I still don’t have a job and I can’t afford paying that much. I’ve been smoking hash for two years now and the lack of it is affecting my ability to even bear with my classes,” he continued.

Eine Momentaufnahme, ein Schnappschuss aus dem jahrhundertealten Haschisch-Drama. Alle arabischen und viele internationale Medien fanden Ägyptens Knappheit berichtenswert. Im Rűckblick ist es kein Zufall, dass im Gefolge der Haschisch-Knappheit, die die Jugend besonders hart traf, die Revolution losbrach, die Präsident Mubarak Amt und Wűrde kostete.

Es ist auch kein Zufall, dass die Länder mit dem höchsten Cannabis-Verbrauch pro Kopf auch die strengste Rauschgift-Gesetzgebung haben und die grausamsten Strafen verhängen – zumindest auf dem Papier. Warum?

Vor gar nicht langer Zeit war Schweden eines der ärmsten Länder Europas. Die Bevölkerung kannte nur ein Ziel: sich ständig zu betrinken. In einem heroischen Kraftaufwand fűhrte man 1905 und 1922 die teilweise Prohibition ein. In wenigen Jahrzehnten der relativen Trockenheit stieg Schweden in die Klasse der reichsten Länder auf. Russland hat das gleiche Problem, findet aber weder den Mut noch die Kontrollmittel fűr eine Prohibition. Nicht auszudenken, welchen Aufstieg das grosse Russland im Zustand der Trockenheit erzielen wűrde!

Dieser kleine Exkurs soll illustrieren, welchen Schwierigkeiten orientalische Länder im Umgang mit Haschisch begegnen. Ägypten beispielsweise hat jahrzehntelang einen verzweifelten Kampf gegen das Rauschgift gefűhrt. Bis hin zur Todesstrafe oder lebenslänglicher Zwangsarbeit fűr Handel wurden die Strafen gesteigert – mit teilweisem, aber nicht komplettem Erfolg. Ägypten ist nicht Schweden, und nach jeder neuen Anti-Haschisch-Kampagne folgte wieder eine Periode der Laxheit.

"1894, als Ägyptens Bevölkerung 12 Millionen betrug, wurden 85 Tonnen Haschisch verbraucht, mehr als das Doppelte von 1967, als sich die Bevölkerung mehr als verdoppelt hatte. Zwischen 1958 und 1967 war als Folge der rigorosen Strafen und der Bekämpfung des Schmuggels die Zahl der Haschisch-Benutzer um mehr als die Hälfte gesunken, obwohl die Bevölkerung um 5 Millionen zugenommen hatte. 1957 ernannte Präsident Nasser eine Kommission von Gelehrten zum Studium der Auswirkungen des Haschisch-Konsums auf die ägyptische Bevölkerung. Es war die erste Studie, die von ausgebildeten Psychologen unte Anwendung standardisierter Methoden durchgefűhrt wurde. Eine Gruppe von 850 Haschisch-Verbrauchern wurde verglichen mit einer Gruppe von 839 Haschisch-freien Gefängnisinsassen. On objective testing, controls obtained significantly better scores than comparable hashish users on most tests of speed and accuracy of psychomotor performance and memory span for digits and designs. The higher the educational achievement, the larger the discrepancies.” (G.G.Nahas: Hashish and drug abuse in Egypt during the 19th and 20th centuries. Bull N.Y. Acad. Med. 1985 June 61(5), 440) (gekűrzt)

Präsident Gamal Abdel Nasser, dem ich persönlich zweimal begegnet bin, beműhte sich mehr als jeder Regierungschef vor und nach ihm, die Haschisch-Bremse zu lösen, die die Modernisierung seines Landes blockierte und einen ständigen Aderlass fűr Ägyptens Zahlungsbilanz bedeutete.

1961 hatte ich das Vergnűgen, in Beirut die Statistiken des Landwirtschaftsministeriums zu studieren, und entdeckte Erstaunliches. Der libanesische Export an Haschisch űberstieg wertmässig die Ausfuhr von Äpfeln – Libanon ist der Hauptlieferant dieser Obstsorte fűr den ganzen Orient – und gewichtsmässig die Ausfuhr von Kartoffeln! Hauptabnehmer war natűrlich Ägypten; fűr den Schmuggel sorgten die Beduinenstämme des Sinai, die auch syrischen Haschisch nach Ägypten brachten.

Fazit

Europa hat sein traditionelles Rauschgift-Problem Alkohol. Durch Jahrhunderte hat die Bevölkerung gelernt, mehr oder weniger schlecht mit dem Alkohol klarzukommen und trotzdem wirtschaftlich und sozial zu funktionieren, mit Ausnahmen wie Schweden und Russland. Es ist nicht nötig, dem Alkohol Haschisch als Alternative zur Seite zu stellen. Beide sind schädlich und können ganze Länder sozial und wirtschaftlich zurűckwerfen.

Europa sollte froh sein, kein echtes Haschisch-Problem zu kennen. Klar, Cannabis fűr medizinische Zwecke – vor allem zur Schmerzbekämpfung – sollte rezeptpflichtig erhältlich sein. Aber Haschisch als Freizeitdroge, bitte nicht. Wer unbedingt meint, er műsse die Liberalisierung des Cannabis-Konsums fordern, der sollte als Vorbedingung die totale Alkohol-Prohibition verlangen. Mal sehen, ob die Europäer auf den Alkohol verzichten wűrden, nur um blaue Träume in die Luft zu blasen.

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—— Heinrich von Loesch


Update

Portugal ist nicht vergleichbar mit Ägypten, denn die portugiesische Cannabis-Politik scheint erstaunlich erfolgreich zu sein. Davon kann man zwar noch keine Entwarnung fűr Europa ableiten, doch es gibt jetzt mehr Argumente fűr eine Entkrimininalisierung in geeigneten Ländern.

Dazu: http://www.time.com/time/health/article/0,8599,1893946,00.html http://www.scientificamerican.com/article.cfm?id=portugal-drug-decriminalization http://www.guardian.co.uk/world/2010/sep/05/portugal-drugs-debate

Sehen Sie auch: Eine Gegendarstellung.

Update 2

Die angesehene medizinische Fachzeitschrift The Lancet hat das weltweite Drogenproblem untersucht und kam zu folgenden Erkenntnissen:

- Cannabis ist die meistverbreitete Droge mit 125 bis 200 Millionen Verbrauchern. - Die laxe Drogenpolitik in vielen Staaten sei auf Informationsmangel der Politiker zurűckzufűhren. - Lancet fordert strengere Bestrafung des Drogenmissbrauchs und Massnahmen zur Verteuerung der Drogen.

Die Techniker-Krankenkasse Bayerns lieferte eine regionale Analyse des Cannabis-Problems und beklagt die starke Zunahme von Missbrauch, der im Krankenhaus behandelt werden musste. In zehn Jahren seien diese Behandlungen von rund 250 auf 650 pro Jahr gestiegen.

Das Institut fűr Therapieforschung in Műnchen verzeichnet, dass Cannabis unter den ambulant Betreuten zunnehmend zur Armendroge geworden ist, mit 40 Prozent Arbeitslosen unter den Konsumenten und 15 Prozent ohne normalen Schulabschluss. (Quelle: Sűddeutsche Zeitung)

Keine Piratenwähler, vermutlich.